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Nachbar Grass

Dichter an der Salzstraße

Grass_hh"Ilsebill salzte nach" ist 2007 von Lesern und einer Jury der Stiftung Lesen als beliebtester erster Satz eines Romans gekürt worden. Weiterlesen war erlaubt. Der Schluss dieses Werkes lautet "Ich lief ihr nach". Die Frau als Salz im Leben des Mannes, die Frau, der der Mann immer nachläuft, die Frau, mutmaßlich das bessere Geschlecht, dieses Thema hat "Der Butt" – ein Märchen, entwickelt aus dem "Fischer un syner Fru". So betrachtet keine Überraschung, dass der Lebensweg des Butt-Autors eine Zeitweil (so nennt es Grass) an der "nassen Salzstraße", dem "Salzkanal" findet. Dort wohnt er seit zwanzig Jahren mit seiner Frau und – soweit Nachbarn auf dem Dorf überhaupt etwas von einem ihrer Nachbarn wissen könnten – es wird nichts gemunkelt, ob der Autor seiner Frau hin und wieder ein "abermals versalzen! " über sein Leben zurufen müsste. Hierzulande würde man wohl eher eine gegenseitige Fürsorge bemerken.

Grass_buttSeinerzeit kochte Grass schon mal Fischsuppe zum Übersetzerkolloquium. Übersetzer sorgen ja nicht nur für den Vertrieb in fremden Sprachen, sie lesen die Bücher auch am genauesten. Kein Wunder, dass einer der besten Essays über Günter Grass von seinem dänischen Übersetzer stammt. Auch die Buchhändler überschlagen sich bei Grass mitunter: Das Rezept von Amanda für eine Kartoffelsuppe wurde schon mal in Stuttgart für eine Buchvorstellung verwendet.

Grass_WörterUm Essen dreht sich naturgemäß vieles im Behlendorfer Heim des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass. So steht der majoranduftende Linseneintopf mit Hammelrippchen in der "Box", die der Vater Grass an seine Kinderschar mit Blick auf die Kanalpappeln und mit "gerechter Kelle" ausgibt. Das Kapitel "1998" aus "Mein Jahrhundert" spielt in Behlendorf und schildert den Tag der Bundestagswahl mit dem Wechsel Kohl/Schröder, den Weg in die Pilze des Behlendorfer Waldes und so manches Tagesrezept dazu. Im Tagebuch 1990 "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland" ist Behlendorf Ausgangpunkt einiger Notizen. Und die Geschichte vom 3.8.1990 von "Herrn Lübcke", dem Teich und den Forellen (heutzutage Karpfen) wird dann wohl noch irgendwann um den vor Ort verrutschten Bagger zu ergänzen sein, wenn das 21. Jahrhundert dran ist.

Nicht nur auf dieser Behlendorfer Internetseite finden sich viele Spuren von Günter Grass. Er geht gerne Pfeife rauchend am Kanal spazieren. Auch im Fotoalbum überreicht er dem Ehrenbürgermeister ein Präsent, die Zitate der "Impressionen" sind von ihm. Ein Kapitel aus dem "Butt" hat er im Dorf vorgetragen ("Ollefritz" über die Kartoffel; übrigens bei Kartoffelpuffer gibt's schon mal Convenience). Er hat auch einiges gelesen aus den Lebenserinnerungen "Beim Häuten der Zwiebel" (mit der "mal so mal so zusammengefügten Geschichte, die sich nicht um Herkunft und andere Fragwürdigkeiten kümmert") sowie Bilder im "Brinkhuus" im Rahmen von "Dörfer zeigen Kunst" ausgestellt.

In Behlendorf hat Günter Grass sein Salz: Die Skulptur des "Butt" in seinem privaten Garten weist auf einen weiblichen Torso mit drei Brüsten, wiederum aus jenem Märchen "Butt", – eine Allegorie für "das Salz", das den Mann hinter sich her zieht. Hier wohnt er und ist er Nachbar.

Zu besichtigen sind seine Spuren, seine Texte und seine Skulpturen im Günter-Grass-Haus in der Glockengießer- straße 21 in Lübeck. Viele Fotos gibt es im Internet - zum 80. Geburtstag waren Fotografen zugelassen - und online in einer Galerie mit 50 Fotos eines ortsnahen Blattes (Nicht schlecht LN-Bild 2901 u.a.). Selbst gewährt Günter Grass einen Einblick in Behlendorf in "Fundsachen für Nichtleser" - vom Haushund über den Garten bis zum Autofahren.


Grass-Lesungen in Behlendorf:

Beim Häuten der Zwiebel: Günter Grass im Brinkhuus Behlendorf (2007)

Wachsende Zwiebel: Über "Box" "Weites Feld" "Reich-Ranicki" (2008)

Zuflucht Behlendorf: Günter Grass im Brinkhuus aus "Von Deutschland nach Deutschland" und "Fundsachen für Nichtleser" (2009)