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Wem nutzt ein dummer August in Israel?

Günter Grass provoziert mit einem Interview in Israel. Dort erscheint sein Buch „Beim Häuten der Zwiebel“, in dem er seine SS-Mitgliedschaft einräumt. Grass vergaloppiert sich im Interview und schwadroniert fälschlich von 6 Millionen Deutschen, die von den Russen liquidiert worden wären.
Solche Analogien zu den 6 Millionen ermordeten Juden sind in Israel und Deutschland untragbar – Fehler eines Verlagspressesprechers bei der Interviewfreigabe oder gezielte Pressekampage zur Verkaufsförderung?

Beim Häuten der Zwiebel / BuchIm August erschien „Beim Häuten der Zwiebel“ in Israel, fünf Jahre nach dem Erscheinen in Deutschland. Günter Grass enthüllt darin seine SS-Mitgliedschaft, die er jahrzehntelang verschwiegen hatte. Obendrein hatte er sich stets als moralisches Gewissen der Nation empfohlen und aus dieser Position heraus andere abgekanzelt. Im Mittelpunkt der Kontroverse steht dabei nicht Grass SS-Mitgliedschaft sondern sein langes Verschweigen eigener persönlicher Fragwürdigkeiten.
Jetzt hat Grass zur Buchpremiere in Israel der Zeitung Haaretz gesagt, Deutsche seien nicht nur Täter sondern auch Opfer gewesen, Wahnsinn und Verbrechen seien nicht nur auf den Holocaust beschränkt gewesen. Damit rüttelt Grass am gesellschaftlichen Tabu, den Mord an den Juden nicht zu vergleichen, um ihn nicht zu verharmlosen oder gar ein Klein- oder Aufrechnen zu ermöglichen. In dem bizarren Interview hat sich Grass dann völlig verrechnet: Es gab keine sechs Millionen von Russen liquidierte Deutsche wie Grass behauptet, sondern drei Millionen deutsche Soldaten in sowjetischer Gewalt, wovon jeder Dritte durch Hunger und Kälte umkam, ein Schicksal dass zur gleichen Zeit auch viele Russen traf.
Gute Pressesprecher streichen solche Passagen vor Veröffentlichung aus Interviewtexten, denn das gesprochene Wort wird für die Veröffentlichung von der Redaktion und vom Interviewten einvernehmlich übersetzt, gekürzt und verdichtet. Allerdings hatte bereits zum Buch „Unkenrufe“ (1992) das Literarische Quartett mit Marcel Reich-Ranicki und Helmuth Karasek gezielte Presseaktionen des damals neuen Steidl-Verlages kritisiert, mit denen Grass einen Gegenwind zu sich schafft, um ein dann heftig umstrittenes Buch besser zu verkaufen als seinem wahren literarischen Wert entspricht. Auch jetzt erhält das Buch „Zwiebel“ durch diesen Presserummel viel Aufmerksamkeit.


Link zum englischen Interview

 

Das fängt an bei der Süddeutschen, um den Skandal herauszuposaunen, geht weiter beim Historiker Wolffsohn im Deutschlandradio Kultur, um die Fakten gerade zu rücken, das machen die Lübecker Nachrichten LN, um Grass von böser Absicht freizustellen, das macht die Welt, um Grass Unsinn und Probleme mit historischen Fakten vorzuwerfen, und das macht neben vielen anderen Kolumnisten und Bloggern auch behlendorf.net, um zu erklären, warum schon wieder eine Polizeistreife „bei Nachbar Grass vorbei“ patroulliert.

 

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Interviewer hätte Grass korrigieren wollen

Im Grass-Skandal entschuldigt sich der Interviewer, dass er den Fehler von Grass nicht korrigiert hat. Dennoch titeln Grass politisch nahe stehende Magazine wie der Spiegel "Abschied einer moralischen Autorität"

 

 

Grass-Lesungen

Beim Häuten der Zwiebel: Günter Grass im Brinkhuus Behlendorf (2007)

Wachsende Zwiebel: Über "Box" "Weites Feld" "Reich-Ranicki" (2008)

Zuflucht Behlendorf: Günter Grass im Brinkhuus aus "Von Deutschland nach Deutschland" und "Fundsachen für Nichtleser" (2009)